Die Blechtrommel – Günter Grass

Eine Rezension

Was für eine Leben, was für eine Reise. Oskar Matzerath ist der Protagonist des Werkes «Die Blechtrommel» von Nobelpreisträger Günter Grass. Wir steigen in die Geschichte ein und erfahren, dass Oskar in einer Heil- und Pflegeanstalt liegt und uns fortan seine Herkunfts- und Lebensgeschichte erzählt. Angefangen beim Leben seiner Grossmutter Anna Bronski die in ihrer kaschubischen Heimat auf dem Acker Kartoffeln erntet und einen Brandstifter auf der Flucht vor der Polizei unter ihren vier Röcken versteckt. Dieser Brandstifter Joseph Koljaiczek wird Oskars Grossvater.

Jetzt kommt das Wunderliche. Oskar sagt, er habe zu den hellhörigen Säuglingen gehört, deren «geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur bestätigen muss». An seinem dritten Geburtstag hört er mit Überzeugung auf zu wachsen und kann als scheinbar ewiges Kind von unten die Erwachsenenwelt beobachten. Zu diesem Wiegenfest erhält er auch die Blechtrommel von seiner Mutter. Da befürchten seine Eltern, dass Oskar sich an der bald schon ziemlich abgenutzten Trommel verletzt, und man versucht sie ihm zu entreißen. Oskar leistet erbitterten Widerstand, wobei er seine Gabe entdeckt, Glas zu zerschreien, zu zersingen.

Trotzdem. Was Günter Grass schreibt hat Hand und Fuss. Haftet am Boden und kann dennoch den Himmel beschreiben. Eine somit ganz eigene Art von Poesie und Humor halten Grass Werk lebendig. Da kann nicht aufgeteilt werden in lang- oder kurzweilig, da ist Spannung die Grundzutat der polnisch-deutsch-danzigschen Suppe. Das erste Wort das mir zur Beschreibung einfiel, als ich die Blechtrommel las war: Solidität. Eine solide Sprache, ein fundiertes, also solides Wissen, solide, literarische hochwertige Arbeit. Da ist Atmen in einer Geschichte, man meint beim Lesen danebenzustehen, wenn der kleine Oskar mit seiner diamantscharfen Stimme mühelos die Schaufenster der Danziger Geschäfte zersingt.

Mitunter wechselt die Erzählung immer wieder kurz ins Jetzt, in die Anstalt wo Oskar schon älter ist. Man erfährt die Geschichte der Freien Stadt Danzig, sowie einiges aus der Deutschen und Polnischen Geschichte, Vorkriegszeit, das Gefecht an der Polnischen Post, Nachkriegszeit. Oskar spricht abwechselnd immer direkt oder in der dritten Person von sich selbst. Er reist in seinem Kopf mühelos bildhaft durch seine eigene Geschichte, und kann alles Erlebte und Erahnte auf seiner Trommel wiedergeben, so dass sogar erwachsene Menschen sich einnässen und kichern, wenn er was aus der Kinderzeit spielt. «Nie hat ein Mensch – wenn Sie bereit sind in mir einen Mensch zu sehen …» schreibt Matzerath alias Grass und da kommt die Theorie auf, Oskar stellt gar keinen richtigen Menschen dar, man bedenke seine Talente, was für mich aber nicht der Schlüssel zur Interpretation ist. Nur schon, dass er sich selber als den Nachfolger Jesu sieht, scheint mir sehr menschlich.

Mit dieser Geschichte stellt der Autor dar, wie man seine Vergangenheit nicht verdrängen kann. Wo man herkommt, das begegnet einem immer wieder. Auch wollte er mit dem 1959 erschienenen Roman dem deutschen Volk in der Nachkriegszeit helfen, den Schrecken zu verarbeiten. Seine Hauptfigur kann die Massen manipulieren wenn er durch seine Trommel spricht. Der ist aber auch Opfer, oder Beobachter und Widerstandskämpfer. Ein begleitendes Motiv ist die Schwarze Köchin aus einem Kindervers, die erstmals erwähnt wird, als die Mutter sich mit Fisch zu Tode isst. Da Oskar sich aber nicht vor dem Tod ängstigt, stellt sie wohl eher eine ungewisse Zukunft dar.

Ich wünschte mir, Thomas Mann hätte eine Zeitreise begannen und so von Grass einiges gelernt. Die Hauptfigur korrigiert sich selber nach hinten. Günter Grass schreibt eine so schöne, ausufernde Sprache, die Gesagtes wieder aufgreift, aneinanderreiht, neu zusammendichtet, weitergeht, Gedanken grade erst vor unseren lesenden Augen entstehen lässt. Er erzählt da eine riesige Geschichte, die sich in mir eingräbt. Es sei dahingestellt, ob sie bei anderen Lesern Spuren hinterlässt, bei mir tut sie es heute noch. Alles begann unter den vier Röcken der Grossmutter und die Erzählungen nahmen ihren Lauf. Das ist ein Buch, das man nicht einfach wieder weglegt. Erzählkunst vom Feinsten. Da war der Meister am Werk!

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4 Gedanken zu “Die Blechtrommel – Günter Grass

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